Alice Henkes, Kunstkritikerin
(" der Bund" und "Kunstbulletin"), 02.03.2010
Sehnsüchtige Schönheiten im Schleier der Farben
Zur Malerei von Anna Altmeier
Das Krokodil auf dem T-Shirt galt lange Zeit als cool. Als Emblem der französischen
Modemarke Lacoste diente die Echse Jahrzehnte als Beweis für modischen Geschmack und
eine gut gefüllte Brieftasche. Auch in den Bildern Anna Altmeiers steht das Krokodil für
Coolness. Allerdings nicht im modischen sondern im psychosozialen Sinn. Reptilien gelten
als beziehungsunfähig. Auch wenn sie von Menschen aufgezogen wurden, bauen sie keinen
emotionalen Kontakt auf. Sie verhalten sich wie die sprichwörtliche Natter, die man am
eigenen Busen genährt hat und schnappen rücksichtslos nach allem, was sich regt.
In einigen Bildern Anna Altmeiers begegnet man dem Krokodil als Symbol emotionaler Kälte. Dabei macht sich die Panzerechse winzig klein und versteckt sich zwischen kraftvoll expressiven Farbspuren, die die Leinwand bedecken wie ein herbstlicher Laubteppich in flirrenden Farben. In diesen bewegt wirkenden Farbwirbeln, die von grosser gestalterischer Energie künden, verbergen sich nicht nur Krokodile. Ähnlich den Zahlen in Farbsehtests sind im Gewirr der Tupfen, Flecken und Spritzer menschliche Figuren verborgen, Gesichter aber auch Torsi, ganze Körper. Weibliche Figuren sind es vor allem, die sich im Spiel der Farben verstecken. Zart und scheu scheinen sie sich in den Bildhintergrund zurück zu ziehen, als ängstigte sie der Blick des Betrachters. Auch wenn die Farben oft kräftig und leuchtend sind, manchmal sogar neongrell, so liegt doch immer etwas Wehmütiges in den Bildern. Die Figuren wirken nachdenklich, verletzlich oder gar verletzt. Das bunte Farbspiel kann die Melancholie und Sehnsucht nicht negieren, die von den Frauengestalten ausgeht.
Der Mensch und sein Verhalten in der Gesellschaft standen für Anna Altmeier immer schon im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. Bereits in der Schule interessierte es sie oft mehr, Gesten und Gebärden ihrer Lehrer mit dem Zeichenstift festzuhalten, als den Unterrichtsstoffen zu folgen. 1980 kam die Rheinländerin nach Berlin und erlebte dort die vibrierende New Wave-Zeit mit ihrer Lust an kreativen Pose und kühnen Selbstinszenierungen, die in Anna Altmeiers Werk deutliche Spuren hinterlassen hat. Eine exzentrische Künstlerpersönlichkeit wie Nina Hagen gehört ebenso in diese Dekade wie die wachsende Akzeptanz Schönheitsoperationen gegenüber. Auch in Anna Altmeiers Werk ist die Spanne zwischen selbst gewählter Pose und durch Gesellschaft, Medien, Schönheitsindustrie definierte Norm spürbar. In ihren frühen Bildern porträtierte sie gern Freunde, oft echte Charaktertypen. In ihren neueren Gemälden setzt sich Anna Altmeier unter anderem mit gesellschaftlich vermittelten Vorstellungen von gutem Aussehen auseinander. Sie arbeitet nach Fotos, in denen Freunde oder auch sie selbst, dem Alltag oder der Medienwelt abgeschaute Posen nachahmen oder auch nach Medienfotos von übernatürlich geschönten Models, die für unzählige Frauen und Mädchen schmerzlich unerreichbare Vorbilder sind.
"Die Kultur in der wir leben ist besessen von schönen Oberflächen."1 In ihrer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit unserer schönheitstrunkenen Welt, sucht Anna Altmeier nach einem Ausdruck für den Widerstreit zwischen perfekter Fassade und zerbrechlichem Innern. Sie sucht die künstlich glatten Oberflächen aufzubrechen, anzukratzen und wählt dafür einen so ungewöhnlichen wie wirkungsvollen Weg: Sie wendet das Äussere nach Innen und verbirgt in berauschenden Farbgewittern was Medienbilder meist betonen: das schöne Antlitz. Sie nutzt das Formvokabular einer Oberflächenkultur, um Verborgenem nachzuspüren. In ihren Bildern sind die schönen Gesichter so gut versteckt, wie die inneren Qualitäten eines auf den ersten Blick wenig anziehenden Menschen. Ihre Frauenfiguren im Farbwogen wirken träumerisch verschleiert - oder sind sie verschlossen, gefangen in einer märchenhaften Farbwelt? Aus der Entfernung gesehen öffnen die Bilder ihr Geheimnis. Die Künstlerin bereichert das tradierte künstlerische Thema von Distanz und Wahrnehmung indem sie das Farbspiel des Vordergrundes nutzt, um sich dem möglichen Innenleben ihrer Figuren anzunähern. Pastose Farbmassen und grelle Kleckse sprechen von Sehnsucht und Verzweiflung. Manchmal gibt Anna Altmeier dem Betrachter auch dezidierte Hinweise zum Bildverständnis an die Hand. Das kann durch Titel wie "Sad Song" oder "Das Leben ist ungesund" geschehen oder durch symbolhafte Elemente wie den Fliegenpilz, dessen roter Hut in "Sweet Love" für Verlockung und Verderben steht und somit für die beiden Gesichter der Liebe: Euphorie und Schmerz. In der sechsteiligen Bildserie "Emilia und ihr Kleid voll Staub" entwickelt Anna Altmeier eine ganze Geschichte um die Suche nach Zweisamkeit und Verständnis und die - manchmal allzu trügerische Vorstellung - das innere Leben durch das passende Kleid zu beeinflussen. So wie André Gide eine seiner Figuren sagen lässt: "Meine Stimmung hat immer die Farbe meiner Kleider."2
Anna Altmeier malt nicht nur mit Farben, sondern auch mit Worten. Die vielseitig Begabte, die auch eine leidenschaftliche Musikerin ist, gestaltet in kurzen Gedichten inneres Erleben. Thematisch nahe an ihren Bildern, befassen sich die Gedichte mit dem Erlebnis von Einsamkeit und der Schwierigkeit, innere Widersprüche auszuhalten, die oft durch den Gegensatz eigener Interessen und gesellschaftlicher Erwartungen entstehen. Dafür findet Anna Altmeier schlichte, sprechende Bilder. Liebe wird wie eine Delikatesse "auf eis präsentiert", das Zuhause entpuppt sich als Märchenwald und die eigene Fremdheit wird zu einer Figur, so beunruhigend wie ein Doppelgänger.
Die wenigen Männer, die dem Betrachter in Anna Altmeiers Bildern begegnen scheinen ein wenig näher am Krokodil als die zerbrechlichen Frauen. Meist gestaltet Altmeier einen Typus, einen Mann mit Hut, verwoben in eine Aura urbaner Coolness. Auch diese Coolness aber trägt Züge der Verlorenheit, erinnert sie doch an die einsamen und gebrochenen Helden des film noir, die in Trenchcoat und Fedora-Hut, als Getriebene durch nächtliche Strassen wandern. Die Pose, die wie ein zerknautschter Mantel aussieht, ist in Wirklichkeit ein Panzer. Barbey d'Aurevilly schreibt über den legendären Dandy George "Beau" Brummel, er habe seine eisige Eleganz wie eine Rüstung getragen, die ihn unverwundbar gemacht habe.3 Auch Anna Altmeiers Männerfiguren versuchen sich gegen den Alltag zu wappnen und ein bisschen Krokodil zu sein.
Alice Henkes, Kunstkritikerin der Bund und Kunstbulletin
Sandra Marti, Anna Altmeier - Bewegtheit in Farbe
Ausstellung Doktorhaus / Thuner Tagblatt
Farbräume / Sarah Pfister / Der Bund
Kunstsammlung Unterseen / Berner Oberländer
Interlaken: "Arthena" Workshop / Berner Oberländer